Mittwoch, 9. März 2011

ERLANGER PERSPEKTIVEN



Jahrgang 3, März 2011, Nummer 1/11

Privater Konsum in verschiedenen Lebensaltersstufen

Für ein Neugeborenes bzw. Kleinkind wird der tägliche Bedarf von den Eltern bereitgestellt. Der Mensch braucht sich in diesem frühen Lebensabschnitt noch um nichts zu kümmern. Dafür werden aber schon ab dem ersten Lebenstag die Eltern von der Werbung umworben, kindgerechte Produkte zu kaufen, anzuschaffen. Dabei wird die Definition, was kindgerecht ist, vielfach durch die Werbung gemacht.

Schon im Kindergartenalter wird den Kindern gezeigt, was „in“ ist, was als Kleidung getragen werden „muss“ oder was gegessen werden muss. Eltern haben oft keine freie Entscheidung, da der Druck von der Gruppe auf das Kind sehr stark sein kann und bei „Nichtbefolgen“ des entsprechenden Konsums das Kind ausgegrenzt wird.
Dieser Prozess setzt sich in der Schule fort. Die Konsumgüter, „die man zu verwenden hat“, werden immer teurer (Kleidung, elektronische Geräte), der Druck auf die Jugendlichen wächst. Da Eltern den Konsum aber finanzieren müssen, tragen sie die Finanzlast. Zwischen Wünschenswertem und Notwendigem wird hier aber meist nicht unterschieden.

Als Erwachsener unterwirft man sich mehr oder weniger dem Konsumdenken, wobei die finanziellen Möglichkeiten der privaten Haushaltskasse als Regulator dienen sollten für die Entscheidung, was ist notwendig und was ist wünschenswert. Dieser Regulator wird aber durch die Werbung in den Medien überspielt und kann dann zu einem privaten Finanzdesaster führen.

Wenn man aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden ist und mit einem kleineren Finanzbudget auskommen muss als in früheren Jahren, dann besinnt man sich wieder auf den Konsum des Notwendigen und greift bei außertourlichen Anschaffungen auf das zurück, was in den früheren Jahren angespart werden konnte. Deswegen ist diese Altersgruppe (mit einem Finanzpolster im Hintergrund) für den Handel und die Industrie besonders interessant, da in dieser Altersstufe die Rücklage für das Alter nicht mehr angespart werden muss (sie muss zwar noch erhalten werden, kann aber für gezielte altersgerechte Anschaffungen genutzt werden).

Wir wollen uns im Folgenden das Thema Konsum im Allgemeinen, aber auch unter Bezug auf Erlangen etwas näher ansehen.

Nahversorgung ade

Wieder ein Stück Lebensqualität weniger


Solange etwas vorhanden ist und man sich in diesem Fall zuverlässig darauf verlässt, dass wohl sortierte und gefüllte Regale mit Lebensmitteln aller Art gleich um die Ecke auf den Kunden warten, solange ist die Welt noch in Ordnung. Diese wird spätestens aber dann jäh durchbrochen, sobald ein freundlich gemeinter Hinweis an der Eingangstüre der jahrelangen – zumeist jahrzehntelangen (?) - treuen Kundschaft dankt und auf den baldigen endgültigen Schließungstermin verweist, nicht ohne die frohe Nachricht zu unterschlagen, dass rund fünf Kilometer weiter eine neue und viele schönere und vor allem größere Filiale ihre Pforten öffnet. Wie viele Kunden, die mit Stöcken, Krücken, Rollatoren oder auch ohne Gehilfen, aber nicht mehr so fit wie in früheren Tagen, werden solche Zeilen angstvoll lesen. Endzeitstimmung macht sich da bei dem einen oder anderen breit. „Wo soll ich denn dann einkaufen, wie komme ich denn da überhaupt hin?“, werden hier immer wieder als stumme Fragen aufgetaucht sein, die bei den ach so treuen Kunden in den Köpfen kursierten. Irgendwann aber ist der zu, der Laden um die Ecke und damit auch das kleine noch verbliebene Fenster der selbstbestimmten Lebensführung.
Man muss es nicht unbedingt so seniorenbetont aufziehen, um auf schnelles Verständnis zu stoßen. Was für den einen ein Genuss und beliebter Zeitvertreib, ist für den anderen schlicht und ergreifend ein nerviger Zeitaufwand
und die Nahversorgung um die Ecke die ideale Lösung für den täglichen Bedarf.
Bis 1960 bzw. 1970 gab es noch eine sehr kleinräumige Versorgungslage in Erlangen. Selbst zahlreiche Möbelhäuser waren in Erlangen damals noch etwas völlig normales. Zug um Zug wurden neue Mega-Anbieter auf der „grünen Wiese“ allein durch ihr Flächenangebot immer attraktiver und gleichzeitig die Mieten in Erlangen immer teurer. Der Ausgang dieser Entwicklung war vorhersagbar. Möbel kann man heute in Erlangen fast nur noch im Sozialkaufhaus der GGFA erwerben.

Wachsende Konzentration
Ein eigenes Kapitel sind jedoch die Lebensmittelgeschäfte. War es zunächst das alteingesessene Lebensmittelfachgeschäft, das wie in allen Städten neben dem Verkauf an Marktständen die Versorgung der Bevölkerung sicherstellte, so tauchten vor 40 Jahren die ersten kleinen Discounter in dieser Branche auf. Es dauerte nicht lange ehe das unaufhaltsame Sterben der Lädchen einsetzte, die letztlich immer noch im Tante-Emma-Stil ihre Waren feil boten. Die Entwicklung zu immer größeren Warenanbietern erlebte in Erlangen eine schnelle Dynamik. Waren es am Anfang noch lokale und regionale Namen wie Oswald, Sagasser oder Jusa, so kamen langsam aber sicher neue Namen wie Attrakta, Aldi, Rodi, und Norma hinzu. Das Verkaufsprinzip war letztlich immer gleich. Der Verkauf erfolgte direkt aus dem Bestandslager, Zusatzflächen waren kaum erforderlich. Außerdem ging es stets darum schneller zu wachsen als die Konkurrenz. Die Masse sollte es bringen und das Feilschen um den letzten Cent. Auf der Strecke blieb dabei der Kunde. Was mit größerer Warenvielfalt und günstigeren Preisen kaschiert wurde, bedeutete aber auch zugleich immer weitere Wege in Kauf zu nehmen und damit auch Zeit. Wer nicht mobil ist und zudem es nicht schafft, das endlich mühsam Gekaufte auch nach Hause zu transportieren, fällt als Kunde unten durch.

Einkaufen war früher aber auch immer persönlicher Kontakt. Kein Geschäftsbesuch ohne intensiven Austausch von Klatsch und Neuigkeiten. Vorbei und vergessen kann man jetzt sagen. Wer heute in einer der Megakaufhallen unterwegs ist stößt zwar womöglich immer noch auf bekannte Gesichter, die notwendige Versorgung mit dem Erforderlichen wird aber trotzdem zu einem zeit- und nervenzehrenden Kraftakt.

Suche Babysitter – führe Hund spazieren – gieße Garten


Und das alles ohne einen Cent! Dies ermöglicht seit zwei Jahren die „Organisierte Nachbarschaftshilfe“. Sie vermittelt den Austausch von brachliegenden Talenten und bildet dabei einen riesigen Pool an Angeboten und Gesuchen aus den verschiedensten Bereichen, wie z.B. Frühjahrsputz, Gartenarbeiten, Reparaturen, Computertätigkeiten, Qi-Gong-Kurs usw. Aktuell werden 185 Angebote und Nachfragen der Mitglieder in einer monatlichen Marktzeitung veröffentlicht. Für alle Mitglieder werden Zeit- bzw. Talentekonten geführt. Bügelt jemand z.B. für den anderen Wäsche, so wird ihm die jeweils aufgewendete Zeit gutgeschrieben und er kann sie einsetzen, um selber Leistungen von anderen zu bekommen. Man muss aber keinen direkten Tauschpartner finden, sondern das Ganze funktioniert nach dem System des Ringtauschens.

Ziel der Initiative ist es, über den Tausch von Dienstleistungen und auch Dingen, soziale Netzwerke wieder aufleben zu lassen und das Miteinander in unserer Gesellschaft zu fördern. Die Grundidee ist, dass (Lebens-)Zeit füreinander getauscht wird, d. h. 1 Std. Hausarbeit ist genau so viel wert wie 1 Std. Computerarbeit. Damit wird z.B. der Hausarbeit eine andere Wertschätzung entgegengebracht.

Inzwischen haben sich 58 tauschbegeisterte Mitglieder aus allen Stadtteilen Erlangens und den umliegenden Ortschaften gefunden und auch mit den Tauschringen Fürth und Nürnberg zeichnet sich eine sehr gute, überregionale Zusammenarbeit ab.
Wer schon Lust zum „grenzenlosen Tauschen“ bekommen hat, ist jederzeit eingeladen, zu den monatlichen Markttreffen jeden 3. Donnerstag im Monat ins Freizeithaus Dechsendorf, Dechsendorfer Platz 12, um 19:30 Uhr zu kommen.

Bürozeiten: Montag vor dem Markttreffen
17:00 – 18:30 Uhr oder nach tel. Vereinbarung

Sonnentauweg 28, 91056 Erlangen-Dechsendorf
Tel. 09135-722440
E-Mail:org.nachbarschaft@googlemail.com

Konsum: eine kleine Vertiefung

Definition
Konsum heißt: Verbrauchen, benutzen etc. leitet sich ab vom Lateinischen consumere.
Damit etwas verbraucht werden kann, muss es im Besitz desjenigen sein, der verbrauchen will. Konsum ist somit auch ein Spiegel des Besitzes.

Konsum in Mitteleuropa
Konsum existiert, seit es die Menschheit gibt, denn Güter wurden schon immer verbraucht. Waren es zunächst die Dinge des Grundbedarfs (Nahrungsmittel, Kleidung, Unterkunft etc.), so entwickelte sich im Verlauf der Entwicklung eine Konsumgesellschaft, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Menschen nicht nur das konsumieren (bzw. vorher kaufen bzw. erwerben), was sie zum Überleben benötigen, sondern was das Leben auch schöner macht.
In Mitteleuropa wurde etwa ab dem 18. Jahrhundert (Quelle: Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Konsum ) auch das gekauft, was selber nicht hergestellt werden konnte. Auf Wochen- und Jahrmärkten wurde das gekauft, was von fremd hergestellt wurde, was von der Ferne herangetragen wurde. Um den Preis der Waren wurde gefeilscht, gehandelt. Es entwickelte sich erstmals der Luxuskonsum, den zunächst der Adel quasi als Prestige pflegte (z.B. Gewürze und feine Stoffe). Mit der Emanzipation des Bürgertums wuchs auch dessen Kaufkraft und es wurde konsumiert, um etwas darzustellen. Mit dem Anstieg des Einkommens des Bürgertums stieg die Nachfrage nach Massengütern, die Zeitschriften (anfangs Modejournale) entwickelten sich zu einem Kommunikationsmittel.

Die Werbung beginnt den Konsum zu steuern
Eine Innovation Mitte des 19. Jahrhunderts stellte die Litfaßsäule dar. Sie war der eigentliche Beginn der modernen Werbung als Mittel zur Absatzsteigerung. Werbung tauchte dann vermehrt in Zeitungen und Zeitschriften auf, wodurch der Konsum weiter erhöht wurde. Ende des 19. Jahrhunderts wurden dann die ersten Konsumhäuser gebaut, die durch feste Preise gekennzeichnet waren. Das Angebot wurde ständig erhöht und damit wuchsen auch die Konsumentenwünsche und die Konsumlust.

Das Wirtschaftswunder und seine Auswirkungen
Mit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und einem nicht vorhersehbaren Wirtschaftswunder wurden aus Luxusgütern Massenware. Mitte des 20. Jahrhunderts kamen internationale Güter nach Deutschland und die Globalisierung des Konsums begann. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wuchs der Markt für Elektrogeräte stetig, modernste Materialien und Technologien veränderten den Markt, die elektronischen Geräte wurden für den Normalbürger allmählich erschwinglich. Mit den elektronischen Werkzeugen wurde es auf einmal möglich, dass sich jeder mit den entferntesten Winkeln unserer Erde in Verbindung setzen konnte. Es entwickelte sich eine völlig neue Dimension des Konsumverhaltens. Möglich wurde dies durch das World Wide Web, jetzt wurde es möglich in den verschiedenen Ländern beim Hersteller zu bestellen und Konsum wurde zu einer Freizeitbeschäftigung vieler Menschen. Im Jahr 2007 sollen demnach etwa 17 Milliarden Euro für Einkäufe im Internet ausgegeben worden sein (mit steigender Tendenz)(B. Orland, Rezension zu: Europäische Konsumgeschichte, Dezember 2008).

Handeln in Kreisläufen
Haushalte erbringen an die Unternehmen Arbeitsleistungen, mit denen die Unternehmer Güter produzieren. Diese Güter wiederum werden dann von den Haushalten gekauft und konsumiert. Die Vergütungen der Arbeitsleistungen ermöglichen also den Konsum. Die Theorie betrachtet das Wiedereinfließen der Gelder aus dem Arbeitsprozess in deren Kauf als geschlossenen Kreislauf, aus dem aber die Sparleistungen herausfließen. Es wird üblicherweise nur ein Teil des Einkommens für den Kauf von Konsumgütern ausgegeben (= Konsumsumme C). Ersparnis (S) wird aber zunächst nicht konsumiert. Das Gesamt-Haushaltseinkommen setzt sich somit aus den Teilen Konsumsumme + Ersparnis zusammen.
Der Zweck eines jeden Wirtschaftens besteht nun darin, die Bedürfnisse zu befriedigen. Der private Haushalt wird mit Konsumgütern versorgt, die von ihm angefordert, nachgefragt werden. Diese Nachfrage nach einem Gut im Vergleich zu einem anderen regelt den Preis (Grupp: Messung und Erklärung des technischen Wandels: Grundzüge einer empirischen Innovationsökonomik. Springer 1997).

Was ist geblieben

Betrachtungen über den Hugenottenplatz als früheres Einkaufszentrum


Wer 20 Jahre nicht mehr in Erlangen war und heute auf den Hugenottenplatz kommt, der wird den Platz nicht wieder erkennen. Früher war hier wirklich noch der Bär los. Durch Kaufhof, 3x Heka und Schuhschuster war ein üppiges Warenangebot gesichert. In nächster Nähe war mit Gundel, Palm & Enke, Merkel etc. mehr als genug an Einkaufsfläche zu finden, kurzum ein Angebot der kurzen Wege. Der Kunde stand hier am Hugo tatsächlich im Mittelpunkt. Und wenn man nur eine einzige kleine Gardinenleiste haben wollte, dann wurde dieser Wunsch prompt erfüllt.
Wenn man heute auf dem Platz kommt ist die Enttäuschung groß: keine Heka, kein Kaufhof, kein Schuh-Schuster und auch die genannten Geschäfte um die Ecke sind alle futsch. Immerhin ist mit Thalia noch ein gewisser Publikumsmagnet am Platz gegeben. Fast stellt sich schon die Frage, weshalb hier noch so viele Busse haltmachen. Mit dem Angebot der Geschäfte vor Ort jedenfalls wird das nichts zu tun haben. Eher der zentralen Lage und der Nähe des Bahnhofs ist es noch zu verdanken, dass Menschen diesen Platz queren.

„Arkaden“, so heißt jetzt der neue Konsummittelpunkt, auch wenn der Schwerpunkt eindeutig im Textilbereich liegt. Ein Bad in der Menge ist hier garantiert. Ein gleichwertiger Ersatz für die früheren Möglichkeiten am Hugo? Wohl kaum. Es mag etwas mit Nostalgie zu tun haben aber auch mit der Breite des Warenangebots. Selbst das Lebensmittelangebot im Kaufhof wie in der Heka wird vielen noch wehmütig in Erinnerung sein. Glücklicherweise gibt es mit der Galleria Kaufhof überhaupt noch ein letztes verbliebenes Warenhaus, während sich wohl fast schon niemand daran erinnern wird, dass gegenüber der Quellekonzern einmal stattlich auf drei Etagen vertreten war.

Neben den bereits erwähnten Arkaden sind es jetzt auch noch die Großmärkte á la Kaufland, die mit einem üppigen Angebot zum Publikumsmagneten avancierten und die Konzentration der Erlanger Konsumlandschaft von der City in die Fläche verlagerten. Für so manchen Erlanger gibt es nicht mehr viele Gründe überhaupt noch in das Zentrum zu fahren. Dabei ist nämlich die wichtigste Shoppingmeile noch gar nicht erwähnt: das Internet! Doch das soll in einem eigenen Artikel angegangen werden.
Immerhin ist der Wochenmarkt noch am alten historischen Platz. Hier macht sich bemerkbar, dass viele Erlanger südländische Geschmacksvorstellungen nicht nur im Ausland genießen wollen. Überhaupt hat sich bei der Vielfalt der Stände wirklich etwas getan. Es macht immer noch Spaß regionale Ware direkt vom Erzeuger kaufen zu können. Und noch eine erfreuliche Wende zum Besseren gibt es. Ein scheues Produkt hat wieder einen Platz im früheren Zentrum von Erlangen gefunden: die fränkische „Bratwurscht“. Da bleibt nur noch zu sagen: „Einen Guten!“

Weltmarkt Internet


Sechs von zehn Deutschen kaufen im Internet ein. Ende 2008 hatte erst jeder zweite Erfahrungen mit Online-Shopping. Die erwarteten jährlichen Zuwachsraten liegen im zweistelligen Bereich. In Erlangen dürften diese Werte sicherlich noch wesentlich höher liegen. Die Akzeptanz von PC und Internet ist an einem Bildungs- und Technologiestandort wie Erlangen extrem hoch. Das gilt in unserer Stadt übrigens für alle Altersgruppen!

Die Möglichkeiten im Internet einzukaufen sind riesig. Die Chancen ganz schnell sein Geld loszuwerden aber auch. Zwei, drei Klicks und schon ist die Bestellung abgeschlossen. Die Lieferung erfolgt nicht selten innerhalb von 48 Stunden. Und wenn man wie bei Amazon ab einem Warenwert von 20 Euro bereits das Porto vergessen darf, fängt die Kaufgier erst so richtig an!

In dieser unendlich großen virtuellen Shoppingwelt lässt sich auch das Spielchen mit „Geiz ist geil“ ebenfalls in Windeseile umsetzen. Standort egal, Hauptsache möglichst billig! Leider funktioniert das zumeist recht prächtig. Kunde zufrieden, Welt in Ordnung?

Konkret schaut das in Erlangen dann bereits jetzt so aus, dass jeder noch so interessante und gut geführte Laden automatisch mit dem Rest der Welt in direkter Konkurrenz steht. Der Internetshop braucht allerdings kein Ladengeschäft und damit auch keine ortsübliche Innenstadtpacht. Womöglich gibt es außer dem Betreuer der Verkaufsplattform fast kein weiteres Personal mehr, denn die Ware wird an ganz anderer Stelle bezogen und dann direkt an den Kunden verschickt. Eine prima Vermarktungsidee mit bester Optimierung der Ressourcen. Wer braucht da noch eine Einkaufszone? Im Internet ist 24 Stunden am Tag weltweit geöffnet.

Die Nachteile sind naheliegend und haben viele schon zu spüren bekommen. So etwas wie Service und Beratung ist von gestern und muss von frustrierten Kunden in Internetforen und passenden oder unpassenden Kommentaren geleistet werden. „Captured by friendly business“ würde ich das in der Internetsprache nennen. Aber viel dramatischer ist der individualisierte Massentransport. Just in time für Tante Else. Der Verkehr auf unseren Straßen ist nicht zuletzt dank dieser neuen Errungenschaften gewaltig angewachsen und wird es auch weiterhin tun. Nicht „klick and buy“ sondern „klick an die“ sollte man hier zusammenfassend den Verkehrsinfarkt umschreiben, Umweltaspekte einmal außen vorgelassen. Auch in Erlangen sind ganze Schwärme von Lieferwägen seitens DHL, UPS, Hermes und Konsorten unterwegs.
Gibt es Möglichkeiten zum Umsteuern? Das kommt auf die Ware an, meine ich. Mein Onlinebuchladen ist tollerweise noch in Fußreichweite. Bestellt wird per Mail, Wareneingang vor Ort ist regulär innerhalb von 48 Stunden. Aber bei der Abholung geht noch das eine oder andere Buch mit. Hier stoße ich auf einen lebendigen und im Buchmarkt erfahrenen Händler und allein das ist jeden Besuch und Einkauf wert!

Cui bono

In einem Themenabend von Arte im Juni letzten Jahres drehte sich vieles um das Motto: „Ich kaufe, also bin ich.“ Sehr deutlich wurde hier dargelegt, welche Unmengen von Waren in jedem Durchschnittshaushalt zu finden sind. Ein erheblicher Teil dieser Artikel ist zumeist nicht der täglichen Bedarfsnotwendigkeit zuzuordnen, sondern fällt eher unter den Begriff willkürliche Anhäufung von Produkten. Ob das nun Textilien aller Art sind, Schuhe, Bücher, CDs, DVDs, Gläser, Kosmetikartikel, eines ist ihnen allen gemeinsam: Wir haben zu viel davon. Es geht anscheinend nicht unbedingt um notwendige Versorgung, sondern vielmehr um das Kaufen an sich. „Ich kaufe, also bin ich“, war als Motto der Arte-Sendung also gar nicht so schlecht gewählt. Und es ist keineswegs ein Phänomen bestimmter Altersgruppen. Shoppen als erfüllende persönliche Tätigkeit zu sehen ist bei Jung und Alt vertreten.

Passiver Genuss
Wer sich zur Weihnachtszeit, an den verkaufsoffenen Sonntagen und zusätzlichen Eventtagen wie „Sternennacht“ etc. in der Stadt umsieht kann schnell erahnen, welche Massen sich durch Konsum bewegt fühlen. Womöglich ist es das bloße Schwimmen in der Masse und das Bewegtwerden, das viele an diesen Events lieben, obgleich fast nichts präsentiert wird, außer dem regulären Feilbieten von bekannter Ware, die jeder schon längst hat, aber sich anscheinend hieran nicht mehr erinnern kann.
Erlebniseinkaufswelten, also Einkauf als Abenteuer, als persönlicher Erfolg und erlebte Sinnhaftigkeit sind aus der Perspektive von gewieftem Marketing durchaus verständlich. Aber muss man aus dem Blickfeld des Konsumenten sich das antun? Wie öd und langweilig muss einem das Leben sein, hier dabei sein zu wollen.

Jenseits des Konsumierens
Natürlich kann man sich eine ablehnende Haltung dann leisten, wenn man es sich ebenso leisten könnte, die großzügig gedeckte eigene Kreditkarte zu zücken, um so potentielle Kaufkraft zu demonstrieren. Wer aber sich in der Situation sieht, dass der Monat mehr Tage hat, als dass es für das eigene Geld reichen würde, sieht da natürlich alt aus. Sozialkaufhaus, Kleiderboutique (früher Kleiderkammer), Flohmarkt oder gar Tafel sind dann die angesagten Konsumtempel. Erlangen ist sicherlich sehr vermögend. Der Kämmerer der Stadt wird dies zwar anders sehen, aber für sehr viele Erlanger trifft dies eindeutig zu. Es gibt aber auch in dieser Stadt Alleinstehende, Familien, Paare, die sich lediglich irgendwie durchschlagen, d.h. die Kontraste in einer Stadt wie Erlangen sind besonders groß. Es ist ein Nebeneinander, sicherlich kein Miteinander. Für den Ausgleich sollen dann die benannten Einrichtungen und für den Rest die sachlich zuständigen Sozialbehörden sorgen. Wem das nicht gefällt, ist schnell als „Gutmensch“ verschrien, dem als Sozialromantiker ohnehin nicht zu helfen. „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, wäre noch so eine Plattitüde aus dem Gemischtwarenladen des gepflegten Wegsehens.

Anders Konsumieren
Karitatives Handeln im eigentlichen Sinne des Wortes wäre sicherlich eine Standardantwort zur Linderung dieser Kontraste. Wäre damit aber geholfen oder eher die Situation gesellschaftlich sozialkompatibel akzeptiert? „Anders Konsumieren“ könnte womöglich nicht nur helfen, sondern den Konflikt als solchen sogar auflösen. Diese Ausgabe der „Erlanger Perspektiven“ beinhaltet auch einen Gastartikel der Gruppe „Organisierte Nachbarschaftshilfe“. Das verbale Schwergewicht lässt sich natürlich einfach als Tauschring bezeichnen. Menschen, die sich kennen, bieten und verkaufen Waren wie Dienstleistungen und beleben so ihren Markt. Jeder kann sich einbringen, denn einem jeden sind nützliche Fähigkeiten zu teil und sei es nur zwei schaffende Hände. Damit lässt sich schon viel anfangen. Hier ist niemand ausgeschlossen und jeder zieht daraus seinen Nutzen. Verlierer gibt es eigentlich nicht. Und wenn man diesen munteren Austausch auch noch als lebendiges sinnstiftendes Leben versteht, dann sollte man bei einem Konsum angekommen sein, der diese Bedeutung auch verdient.
Als kleiner Lateiner ist das Wort „consumere“ vielleicht noch in Erinnerung. „Verwenden, verzehren, verbrauchen“ heißt hier die übliche Übersetzung. Hier wird etwas sehr aktiv genutzt und nicht nach Erwerb in Schränken entsorgt. Konsum braucht einen Sinn, der gegenseitig Möglichkeiten eröffnet und Menschen miteinander agieren lässt und nicht trennt.

Der Spreissel - Die Glosse

Neue Konsumverweigerer

Alter als Chance zu verstehen wurde in den letzten Jahren gerade in der Geschäftswelt mit großer Begeisterung aufgenommen. Best-Ager als eine prima Konjunkturlokomotive zu sehen war schnell ein einleuchtendes Argument. Was sollen sie auch anderes machen, unsere Senioren, als pausenlos durch die Welt zu reisen und durch die Innenstädte zu shoppen, einzig mit dem Ziel, ihr Geld in Hülle und Fülle gegen unnötige Waren und Dienstleistungen einzutauschen.

Allmählich dämmert aber der Umsatzbranche, dass sie es keineswegs mit einer Bevölkerungsgruppe zu tun habt, die freudig ihre Börsen öffnet und ihre Kreditkarten zückt. Die Verkaufsbranche sieht sich vielmehr einer Phalanx von Verweigerern gegenüber, die groteskerweise zudem auch immer mehr werden. Ist dieser Widerstand überhaupt zulässig oder gar verfassungskonform? Wer auf dem Boden unserer Konsumgesellschaft steht, hat gefälligst seinen persönlichen Teil beizutragen das Bruttosozialprodukt in den Orbit zu heben. Doch mit einer Sache hatte man anscheinend nicht gerechnet. Nämlich dass Werbeparolen irgendwann einmal ernst genommen werden. „Geiz ist geil“ und „ich bin doch nicht blöd“ wird bei Älteren durchaus richtig verstanden. Wozu eine dritte Tiefkühltruhe, wenn die beiden anderen ohnehin schon voll sind? Und sparen kennt man noch aus alten Tagen.

Auch Balkonien zeigt als Reiseziel immer mehr seine Reize, denn da kennt man sich aus und weiß, was man hat. Und wenn man unbedingt mal etwas fremdländisches auf dem Teller haben möchte, sollte das um die Ecke schnell möglich sein. Fremdsprachenkenntnisse sind dazu auch nicht erforderlich.

Kann man dieser Entwicklung weiterhin tatenlos zusehen? Wenn schon die Forderung nach einem Mindestlohn gerechtfertigt ist, weshalb nicht auch die Notwendigkeit einer Mindestkonsumabgabe? Das wäre nur konsequent. Der Markt kann nicht alles alleine regeln. Es geht ja um unser aller Wohl. Wer aber weder auf den Markt noch in die Wirtschaft geht, sollte wenigstens zur Kasse gebeten werden.

Konsum und Warenvielfalt als Freiheit des Individuums?

In einem Artikel der TAZ vom 29.02.08 „Shoppen für die Identität, Konsum als Sinnstifter“ wird der Ansatz und die Rhetorik der Konsumkritik in Schranken gewiesen. Konsum als Ersatzreligion zu diffamieren bringt eher zum Ausdruck, dass man den am Individuum orientierten Warenpluralismus verkennt und Vielfalt mit Überforderung verwechselt.
Diese Meinung kann ich ausdrücklich nicht teilen. Konsumieren in unserem heutigen Verständnis beinhaltet stets eine Trennung des Produkts oder einer Dienstleistung vom Konsumenten. Letzter wird nur dadurch aktiv, dass er etwas haben und für sich nutzen möchte. Seine Fähigkeit selbst etwas zu schaffen und eigene Kreativität zu zeigen, bleibt ihm verwehrt.
Sicherlich ist es in einer differenzierten Gesellschaft der Aufgabenteilung nicht möglich, wie in früheren Jahrtausenden absoluter Selbstversorger zu sein. Und selbst da klappte es nur in der Kooperation ausreichend großer Gruppen sowie der Möglichkeit, mit anderen Handel zu treiben.
Bereits von Kindesbeinen an jedoch, bekommt es ein jeder zu spüren, dass nicht alle Menschen mit gleichen Mitteln versehen sind. Und Ungleichheit führt nicht unbedingt zu einem positiven Zusammenleben. Es gehört schon ein erhebliches Maß an Selbstbewusstsein dazu, sich ohne eigene Hochmut und Selbstbrödelei dem Spielchen von Prestige und eingekaufter Bedeutung zu entziehen. In einer Stadt, in der Wohlstand an jeder Ecke zu finden ist, hat das eine andere Bedeutung als an einem Ort, der durch Arbeitslosigkeit und Hartz IV geprägt ist. Aber es handelt sich stets um Menschen, die nach Zufriedenheit und einem Leben in anerkannten Sozialstrukturen streben, mal mit und mal ohne jenen schnöden Schotter, der die Kassen klingeln lässt.
Meines Erachtens endet die Freiheit des Individuums ab jener Linie, von der an nur noch Markenzeichen und Fernreisen zählen. Wer auf Letztere setzt, ist in meinen Augen eher zu bedauern. Wie könnte man sich selbst besser und erfolgreicher erfahren, wenn nicht bei kreativen Eigenhandlungen? Natürlich muss ich um phantasie -wie genussvoll zu kochen vorher noch dieses und jenes einkaufen. Im Mittelpunkt steht dann aber das Kochen selbst. Und welcher Koch kennt nicht jenen unübertrefflichen Stolz, wenn eine Eigenkreation gelungen ist und den Gästen schmeckt?
Konsum als Beschaffung notwendiger Ware ist unvermeidbar und eine gewisse Auswahlmöglichkeit gehört einfach dazu. Wer aber nur Waren und Dienstleistungen ordert, bei welchen sich der eigene aktive Teil auf das Bezahlen beschränkt, verliert sich als Individuum und klebt an den Verkaufs- und Imagekampagnen anderer.
Es ist schon erstaunlich, dass man ausgerechnet bei der TAZ den breit angelegten Massenkonsum als dienstbaren Geist des Individuums interpretiert und jene verunglimpft, die den Konsum nicht unbedingt als glückselig machende Wunderwelt ansehen.

Erinnerungen

Früher gab es auch in Erlangen ein bekanntes deutsches Phänomen: den Kiosk. Zwei möchte ich hier exemplarisch nennen. Da gab es einen Zeitungskiosk am Zollhausplatz und einen Gemischtwarenkiosk am Maximiliansplatz. Am Zollhausplatz waren natürlich nicht nur Zeitschriften, sondern auch Rauchwaren und leider jene kleinen Fläschchen zu haben, die mit hochprozentigem Inhalt reißenden Absatz fanden. Mit dem Abzug von Siemens aus dem alten Standort war aber auch für den Kiosk das Aus gekommen. Am Maximiliansplatz gab es eine Institution, bei der es vom einzelnen Gummibärchen bis zur Cola wirklich alles gab. Hauptkunden waren Besucher der Krankenhäuser aber auch viele Schüler der Loschgeschule, die hier ihre Groschen einzahlten, um Süßigkeiten oder Sammelbilder in kleinen Wundertüten zu kaufen. Dieser Kiosk ist zwar auf der Straße verschwunden, aber jetzt im nichtoperativen Zentrum untergekommen.